Niedrigzins – Billionen stecken in Tagesgeld und Co. / Jeder hat seit 2010 im Schnitt 999 Euro verloren

Innerhalb von drei Monaten sind deutschen Sparern 7,1 Milliarden Euro abhandengekommen. Jeder Bundesbürger, vom Kleinkind bis zum Rentner, hat im Januar, Februar und März somit 86 Euro verloren – rein statistisch gesehen. Mit welcher Wucht der Niedrigzins-Hammer tatsächlich jeden Einzelnen trifft, hängt stark vom persönlichen Anlageverhalten ab. Denn der Grund für den Wertverlust sind katastrophal verzinste Geldanlagen. Und weil seit einigen Monaten die Inflation wieder anzieht, wirken sich Zinsen mit einer Null vor dem Komma immer drastischer aus: „Die deutschen gehören zu den eifrigsten Sparern weltweit, und trotzdem verlieren sie Jahr für Jahr viele Milliarden Euro – das ist paradox“, sagt Arno Walter, der Vorstandsvorsitzende der Comdirect Bank AG. Das Institut ermittelt gemeinsam mit einem Beratungsunternehmen viermal pro Jahr den Realzins-Radar, der den tatsächlichen Zins für Spareinlagen nach Abzug der Inflation abbildet. Im ersten Quartal 2018 lag der Realzins bei minus 1,30 Prozent, errechnet aus den durchschnittlichen Zinsen für Tagesgelder, Festgelder und Spareinlagen von 0,20 Prozent und der durchschnittlichen Inflationsrate von 1,50 Prozent.

Allerdings kommt der angenommene Durchschnitts-Zinssatz von knapp 0,20 Prozent längst nicht mehr bei allen Sparern an. So hat beispielsweise die ING Diba, die jahrelang mit ihren Angeboten Kunden lockte, im April die Zinsen auf ihr Tagesgeldkonto für Bestandskunden von 0,10 auf 0,01 Prozent gesenkt. In der Praxis heißt das, dass es für 1000 Euro im Jahr gerade mal noch einen Euro Zinsen gibt. Innerhalb von sechs Jahren – seit 2012 – sind die durchschnittlichen Tagesgeld-Zinsen bei einem Anlagebetrag von 5000 Euro von 2,10 Prozent auf 0,18 Prozent gesunken. Betrachtet man den Realzins, ging es ebenfalls drastisch bergab. Blieb 2009 unterm Strich immerhin noch eine Rendite von 1,60 Prozent, liegt der Verlust nun bei besagten minus 1,3 Prozent.

Der Beliebtheit festverzinslicher Geldeinlagen tut diese miese Bilanz aber keinen Abbruch, im Gegenteil. Innerhalb eines Jahres sind rund 79 Milliarden Euro in diese unattraktiven Anlageprodukte geflossen – insgesamt ist das Volumen inzwischen auf rund 2,2 Billionen Euro gestiegen. „Jeder Deutsche hat durchschnittlich seit 2010 bereits 999 Euro durch Sparzinsen unterhalb der Inflationsrate verloren“, rechnet der Comdirect-Bank-Chef vor.
„Vermeintliche sichere Anlagen sind nichts anderes als Geldvernichtung“, sagt auch der Mainzer Anlageexperte Antonio Sommese. Die Konsequenz, die man daraus ableiten müsse, sei eindeutig: „Der Sparer muss zum Anleger werden.“ Wer sich nicht um sein Geld kümmere und es nur irgendwo parke, mache Verluste, die sich über Jahre durchaus zu großen Summen addieren könnten. Dass es erste Anzeichen für möglicherweise steigende Zinsen gibt, sei kein Grund, untätig zu bleiben: „Wir werden langfristig ein niedriges Niveau sehen – und der Druck durch die Inflation steigt bereits“, sagt Sommese. Wer über Investments am Aktienmarkt nachdenke, solle als ersten Schritt seine persönliche Risikobereitschaft prüfen, rät er: „Ich muss mich darüber informieren, welche Rendite mit welchen Schwankungen möglich ist. Und dann selbst für mich entscheiden, welche Volatilität ich ertragen kann.“

Zahlen belegen, dass die Deutschen auch nach fast einem Jahrzehnt Niedrigzins ein Volk der Aktienmuffel geblieben sind. Nur drei von zehn Bürgern legen aktuell Geld in Aktien an, meist in Aktienfonds.

von Christiane Stein

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