Können Aktien weiter steigen?

Der deutsche Aktienindex DAX und der europäische Euro-STOXX-50 stiegen 2019 jeweils um rund 25 Prozent. US-Aktien gemessen an den Indizes S&P-500 und Nasdaq noch stärker. Auf den ersten Blick ist es verwunderlich, dass die Aktienmärkte im vergangenen Jahr so zulegen konnten, denn die Unternehmensgewinne sind im Durchschnitt nicht annähernd so stark gestiegen.

Die Gewinne der Unternehmen blieben insgesamt etwa auf dem Niveau von 2018. Setzt man die gestiegenen Aktienkurse ins Verhältnis zu den gleich gebliebenen Unternehmensgewinnen, sind Aktien also weniger attraktiv geworden. Allerdings muss man die guten Ergebnisse des Jahres 2019 im Zusammenhang mit den Entwicklungen im Jahr zuvor, 2018, sehen. Damals waren die Unternehmensgewinne gestiegen, die Aktienkurse aber trotzdem gefallen. Grund waren große Sorgen, die vor allem in den letzten Monaten des Jahres 2018 um sich griffen und den meisten Aktienmärkten ein Verlustjahr bescherten. Die Sorgen erwiesen sich 2019 als übertrieben. Folgerichtig ging es wieder aufwärts – zumindest in Richtung der alten Hochs und teilweise darüber hinaus.

Der weltweite Konjunkturaufschwung begann nach der Finanzkrise 2009. Der amerikanische Aktienmarkt hat gemessen am S&P-500-Index seitdem über 350 Prozent zugelegt. Die zeitliche Ausdehnung stellt einen Rekord dar. Der Anstieg wurde allerdings früher schon übertroffen. Der Höhenflug in den 1990er Jahren, der im März 2000 endete, brachte in 120 Monaten einen Anstieg um über 400 Prozent. Noch schneller und weiter lief der Bullenmarkt in den 1920er Jahren, wo es in 8 Jahren um nahezu 600 Prozent nach oben ging. Sowohl die Haussen 1921 bis 1929 als auch 1990 bis 2000 waren von einer zunehmenden Beschleunigung der Kursgewinne gekennzeichnet. Die Aktienkurse kletterten in den ersten Jahren nur moderat, dann aber immer schneller, je länger der Aufschwung dauerte. Diese Euphorie am Ende erwies sich schließlich als höchst irrational und es folgten sehr verlustreiche Phasen. Nach dem Crash 1929 kam bekanntlich die Weltwirtschaftskrise. Und als die New-Economy-Blase ab dem Jahr 2000 platzte, verloren ganze Börsensegmente 90 Prozent ihres Wertes.

Die aktuelle Hausse zeigt keine Anzeichen gefährlicher Euphorie. Sie verläuft weniger steil, beschleunigt sich nicht und wird immer wieder von sogenannten Konsolidierungsphasen unterbrochen, in denen die Aktienmärkte wieder einen Teil ihrer Gewinne abgeben. Vor allem sind viele Anleger skeptisch bis ängstlich, wenn es um Aktien geht. Es ist die sprichwörtliche “Mauer der Sorgen” (“wall of worry”), an der die Aktienkurse emporklettern, wie man sagt. Vor diesem Hintergrund ist das Auftreten neuer und alter “Crash-Propheten” ein beruhigendes Zeichen. Solange den warnenden Stimmen so viel Gehör geschenkt wird, sind wir von Euphorie weit entfernt.

Im Gegenteil: Viele Investoren haben den Kursaufschwung verpasst, zumindest teilweise, manche sogar größtenteils. Der von der Schweizer Großbank Credit Suisse berechnete Index für die Risikoneigung der Anleger näherte sich unlängst wieder den sorgenvollen Niveaus des Jahres 2016, als man sich weltweit größte Sorgen um Chinas Wachstum machte. Viele Anleger haben ihre Aktienquoten zu früh reduziert, das zeigen auch die Statistiken für das vergangene Jahr. So war auch 2019 über lange Zeit hinweg von einem Rückzug vieler Investoren aus Aktienfonds gekennzeichnet. Erst in den letzten Wochen des Jahres begann eine Gegenbewegung. Gleichzeitig ist noch viel Geld in Fonds für verzinsliche Wertpapiere geflossen. Weil die Aussichten dort nicht mehr so gut sind, könnte ein Großteil dieser Gelder wieder in die Aktienmärkte zurückkehren. Auch das könnte die Aktienkurse weiter steigen lassen.

Natürlich ist ein Großteil der oft geäußerten Bedenken und Sorgen gerechtfertigt. Immer wieder werden mögliche Handelskonflikte und die hohe Verschuldung genannt. Wenn sich wichtige Volkswirtschaften, allen voran mit den USA und China die beiden größten sich einen ausgewachsenen Handelskrieg leisten würden oder in eine schwere Wirtschaftskrise stürzen, wäre das für die Aktienmärkte weltweit eine schwere Belastung. Allerdings hat daran kein beteiligtes Land ein Interesse. Und bei den immer wieder angeführten Problemen mit ausufernder Verschuldung sollte man sich vor Augen halten, dass die Menschheit unter dem Strich nicht verschuldet sein kann. Die Verbindlichkeiten des einen sind die Ansprüche eines anderen. Viele vermeintlich hoch verschuldete Staaten sind faktisch vor allem bei ihren eigenen Steuerzahlern verschuldet. Die USA und Japan, aber auch Italien sind Beispiele dafür. Oft wird die Verschuldung in China genannt. Das Land selbst besitzt aber hohe Devisenreserven. Richtig ist, dass mit der steigenden Verschuldung vieler Staaten, Unternehmen und Privathaushalte die Anfälligkeit für finanzielle Krisen zunimmt. Allerdings hat man inzwischen Erfahrungen gesammelt, mit Staats- und Bankpleiten umzugehen. Das Risiko, dass daraus ein Kollaps der Weltwirtschaft entsteht, ist geringer als vor zehn Jahren.

Anleger übersehen zudem gerne die positiven Treiber für die Aktienmärkte. In den Schwellenländern gibt es größere und schnellere Wohlstandsgewinne für Milliarden Menschen als es sie jemals in der Geschichte der Menschheit gegeben hat. In China und Indien beispielsweise entstehen neuen Mittelschichten. Jahr für Jahr wächst die Zahl neuer Konsumenten in den Emerging Markets um Millionen Menschen. Die Weltwirtschaft ist weit von einer “Sättigung” ihrer Bedürfnisse entfernt.

Dass diese Weltwirtschaft möglichst zügig auf einen nachhaltigen Umgang mit allen Ressourcen umgestellt werden muss, wird zwar, wie die meisten Veränderungen, als unbequem und aufwändig empfunden, ist aber für diejenigen, die die Nachhaltigkeit aktiv gestalten, eher ein Vor- als ein Nachteil. Als Anleger kann man von neuen Produktionsprozessen, neuen Produkten und neuen Marktnischen profitieren in einer Zeit, die von Digitalisierung, Energierevolution, Künstlicher Intelligenz und vielen anderen Fortschritten geprägt wird.

Fazit: Die Entwicklungen von Konjunktur und Unternehmensgewinnen müssen zwar aufmerksam beobachtet werden, fügen sich aber bislang gut in ein positives Szenario ein. Moderates Wachstum, niedrige Zinsen, niedrige Inflation bei lockerer Geldpolitik und steigende Unternehmensgewinne lassen weiter steigende Aktienkurse erwarten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü