Kurserholung an den Aktienmärkten: Wann kippt die Stimmung?

Nach dem Kursrutsch von Anfang August, der den Börsen einen für den Monat August typischen Verlustmonat beschert hatte, setzten die Aktienmärkte im September ihre Kurserholung zunächst fort. Grund dafür waren vor allem Hoffnungen auf eine Entspannung im amerikanisch- chinesischen Handelskrieg, aber auch die Probleme des britischen Premiers Boris Johnson mit seinem Versuch, den EU-Austritt zum 31. Oktober ungeregelt zu vollziehen. Zwischenzeitliche Schritte zur Entschärfung des amerikanisch-chinesischen Handelskonflikts und die mit Spannung erwarteten Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Liquiditätsflutung begünstigten die anhaltende Kurserholung an den Aktienmärkten.

Der EZB-Rat beließ den Leitzins bei null Prozent und senkte den Einlagensatz, der Geschäftsbanken für deren Zentralbankguthaben berechnet wird, um 0,1 Punkte auf minus 0,5 Prozent. Um die Folgen für die Institute abzumildern, kündigte die EZB aber eine Staffelung der Strafzinsen an. Zudem werden Freibeträge die Belastungen für die Geschäftsbanken reduzieren. Wichtiger für die Kapitalmärkte war die Ankündigung, ab November wieder Anleihen zu kaufen. Der Schritt als solcher war mehrheitlich erwartet worden. Das Volumen der Anleihekäufe soll bis auf Weiteres 20 Milliarden Euro pro Monat betragen, was eher über den Erwartungen des Marktes lag.

Zeitweilig profitierten vor allem stärker konjunkturabhängige Aktien von den Hoffnungen. Die meisten europäischen Aktienindizes konnten damit die Kursverluste von Anfang August mehr als aufholen. Der US-Aktienmarkt näherte sich seinen Rekordhöhen vom Juli. Dann verunsicherte aber der Angriff auf Erdölanlagen in Saudi-Arabien und der damit verursachte Ausfall von rund fünf Prozent des Ölangebots auf dem Weltmarkt die Kapitalmärkte. Der Ölpreis sprang vorübergehend um fast 20 Prozent nach oben, beruhigt sich rasch aber, sodass ein Anstieg um knapp 7 Prozent verblieb. Ausbleibende Erfolgen im amerikanisch-chinesischen Handelskonflikt drückten schließlich wieder auf die Aktienkurse.

Unstrittig ist, dass sich die Weltkonjunktur deutlich abkühlt. An den Kapitalmärkten rätselt man aber noch darüber, ob und wo die Wachstumsschwäche zu einer Rezession wird, also einer Phase ohne Wirtschaftswachstum. In den USA sieht es bislang nicht danach aus. Aber auch wenn die US-Konjunktur aktuell noch vergleichsweise stabil aussieht, zeigen einzelne Wirtschaftsdaten, dass die Stimmung kippen könnte. Ausschlaggebend dürfte der Verlauf des Handelskonflikts mit China sein. Die Chancen auf eine Wiederwahl des amtierenden US-Präsidenten für eine zweite Amtszeit waren immer sehr schlecht, wenn sich die USA in einer Rezession befanden. Deshalb hat Trump auch im Hinblick auf seine Chancen bei den nächsten US-Präsidentschaftswahlen am 3. November 2020 großes Interesse daran, eine Rezession der US-Wirtschaft zu vermeiden.

Einen regelrechten Handelskrieg mit China würden die USA aber verlieren. Schon das einseitige Zurücknehmen einiger vorschnell verkündeter Zölle, um das Weihnachtsgeschäft in den USA nicht zu gefährden, zeigt, wie abhängig der amerikanische Konsument von Lieferungen aus China ist. Aber auch Peking dürfte es gelegen kommen, zumindest eine Art “Waffenstillstand” zu erreichen. Denn auch das Wirtschaftswachstums im Reich der Mitte sinkt. Die chinesische Industrieproduktion lag im Juli und August nur noch viereinhalb Prozent höher als im Sommer 2018. Das ist der schwächste Anstieg seit der Rezession im Jahr 2002. In dieser Situation kann Peking das Störfeuer aus Washington nicht gebrauchen. Insofern haben sowohl die chinesische Führung als auch US-Präsident Trump ein Interesse daran, ihren Streit vorerst nicht eskalieren zu lassen. Allerdings sind die grundsätzlichen Positionen so gegensätzlich, dass kein großer Durchbruch zu einer endgültigen Lösung zu erwarten ist. Beim Konflikt zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt geht es um nicht weniger als die globale ökonomische Vorherrschaft.

Von der Erwartung einer ausgeprägten Konjunkturschwäche haben im laufenden Jahr Anleihen profitiert. Gute Bonitäten wie deutsche Bundesanleihen haben mittlerweile über nahezu alle Laufzeiten negative Renditen.

Der Goldpreis hatte von den Sorgen Anfang August profitiert und seinen Aufwärtstrend mit einem Sprung über die Marke von 1.450 Dollar pro Unze bestätigt. Anfang September wurde mit 1.557 Dollar ein neuer Höchststand seit dem Jahr 2013 erreicht – ein Anstieg um gut 11 Prozent binnen fünf Wochen. Prozentual noch höhere Gewinne waren mit Silber möglich. Der Preis erhöhte sich innerhalb von fünf Wochen bis Anfang September um rund 20 Prozent auf zeitweilig 19,65 Dollar pro Unze. Auch das ist der höchste Preis seit über sechs Jahren.

Veränderte Aktienindizes

Turnusgemäß wurden im September Ändeungen an den bekannten Aktienindizes DAX und Euro-STOXX-50 vorgenommen. Und auch die deutschen Nebenwerte-Indizes MDAX und SDAX haben sich in der Zusammensetzung leicht verändert, während der Technikindex TecDAX keine Änderungen verzeichnete.

Der Absteiger aus der “ersten Liga” der deutschen Aktien ist Thyssenkrupp. Der 1999 aus dem Zusammenschluss der beiden deutschen Stahlkonzerne mit geschichtsträchtigen Namen entstandene Konzern geriet in Folge einer milliardenschweren Fehlinvestition in Brasilien schon vor zehn Jahren in Probleme. Seit Anfang 2018 verdüsterten sich die wirtschaftlichen Aussichten stark und der Konzern verlor bis August 2019 zwei Drittel seines Börsenwertes. Zuletzt hatte er im DAX nur noch ein Gewicht von knapp 0,6 Prozent. Der DAX soll die 30 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands, gemessen am frei handelbaren Streubesitz und dem täglichen Börsenumsatz, beinhalten. Thyssenkrupp gehörte nicht einmal mehr zu den Top 45 der deutschen Unternehmen. Deshalb kam die sogenannte Fast-Exit-Regel zur Anwendung, nach der ein Unternehmen aus dem DAX rausfliegt, sobald es nicht mehr zu den Top 45 gehört. Den frei gewordenen Platz hat der Triebwerkhersteller MTU Aero Engines erhalten. Neben Absteiger Thyssenkrupp kommen auch zwei Unternehmen als Aufsteiger in den MDAX. Sie waren bislang im SDAX enthalten, der die 70 Aktien enthält, deren Unternehmen zu klein für den MDAX sind. Der Veranstaltungs-Vermarkter CTS Eventim und der Software- Hersteller Compugroup haben den Aufstieg aus der dritten in die zweite Liga deutscher Aktien geschafft. Im Gegenzug sind die Unternehmen Norma Group (Leitungen für Gase und Flüssigkeiten) und Deutsche Euroshop (Einkaufszentren) vom MDAX in den SDAX abgestiegen. Der erst kürzlich an die Börse gebrachte Nutzfahrzeughersteller Traton, bekannt unter anderem für seine Marke MAN, wurde in den SDAX aufgenommen. Herausgefallen ist dafür der Maschinenbauer Aumann.

Schon Ende August war die Aktie des Axel Springer Verlages, der u.a. die “Bild-Zeitung” herausgibt, aus dem MDAX herausgenommen worden, weil sich deren Streubesitz auf 5 Prozent des Gesamtwertes verringert hatte. Die Beteiligungsgesellschaft Kohlberg Kravis Roberts (KKR) hatte den Verlag über eine Holding-Gesellschaft übernommen. Dafür war der Cloud- Computer-Spezialist Cancom aus dem SDAX nachgerückt, der dort seinerseits für die Aktie des Immobilienunternehmens Instone Real Estate Group Platz gemacht hatte.

Im populären Index für Standardwerte aus der Eurozone, dem Euro-STOXX-50, gab es einen Austausch: Der französische Immobilien- und Einkaufszentrenbetreiber Unibail-Rodamco- Westfield musste Platz machen für die Aktie der Deutsche Börse AG.

Im europaweiten Blue Chip-Index STOXX-50 gab es sogar drei Aufsteiger: Die Aktien der Energiekonzerne Iberdrola aus Spanien und Enel aus Italien sowie des britischen Medienkonzerns Relx Group wurden aufgenommen. Nicht mehr im Index enthalten sind dafür der Telekom- Konzern Telefonica aus Spanien, der Schweizer Rohstoffhändler Glencore und die spanische Bank Banco Bilbao Vizcaya Argentaria.

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