von
Sommese & Kollegen
Strategie
Diversifizierung Anlageklassen
07.06.2025
Aber angesichts des russischen Angriffskriegs in der Ukraine und aggressiven Tönen aus Moskau gegenüber anderen Nachbarn und Westeuropa hat sich die Einstellung vieler geändert. Zudem lassen die wiederholten Aussagen des jetzigen US-Präsidenten, Europa solle sich selbst verteidigen, eine Aufrüstung in West- und Zentraleuropa als notwendiges Übel erscheinen.
Auch Fondsgesellschaften überdenken vor diesem Hintergrund ihre Strategien. Eine Mehrheit der Fondsanbieter, die Rüstungsaktien bislang aus ethischen Gründen ausgeschlossen hatten, hält daran fest, aber nicht alle. Allianz Global Investors (AGI), eines der beiden Fondshäuser des Versicherungskonzerns Allianz, hat sogar seine Fonds mit hohen ökologischen und sozialen Standards („ESG-Fonds“) unter bestimmten Bedingungen für Rüstungswerte geöffnet. Eine entsprechende Änderung der Investmentrichtlinien gab das Unternehmen Ende März bekannt. Konkret wurde der Ausschluss „militärischer Ausrüstung und Dienstleistungen“ gestrichen.
Bislang galt eine Obergrenze von zehn Prozent der Umsatzerlöse mit militärischen Gütern. Unternehmen, die darüber lagen, standen auf der Ausschlussliste. Sogar Geschäfte im Zusammenhang mit Atomwaffen seien künftig erlaubt, sofern sie im Rahmen des Atomwaffensperrvertrags stattfänden. Andere Investmentausschlüsse, etwa für geächtete Waffen, blieben bestehen.
Das Umdenken wurde mit dem anhaltenden Konflikt in der Ukraine und anderen geopolitischen Entwicklungen begründet. „Verteidigung wird heute mehr und mehr als eine Notwendigkeit für sozioökonomische Entwicklung gesehen“, erklärte dazu Matt Christensen, AGI-Verantwortlicher für nachhaltige Investments. Auch andere Fondsanbieter stellen fest, dass die Bereitschaft, in Rüstungsaktien zu investieren, stark gewachsen ist.
Anleger sollten sich zunehmend die Frage stellen, ob die Zeit für größere Investments in Rüstungsaktien jetzt noch günstig ist. Oft steigt das Interesse vieler Anleger erst dann an, wenn ein Aufwärtstrend schon weit fortgeschritten ist. Experten warnen davor, in börsenpsychologische Fallen zu tappen, wenn man das Gefühl hat, an der Börse einen gewinnträchtigen Trend zu verpassen.
Die Aktienkurse insbesondere der westeuropäischen Rüstungswerte spiegeln mit ihrem starken Kursanstieg seit 2022 bereits die Erwartung wider, dass in den kommenden Jahren in Europa viele Milliarden Euro in die Verteidigung investiert werden müssen. Dieses Szenario ist also weitgehend in den aktuellen Bewertungen enthalten. Schon jede Hoffnung auf ein Ende der Kampfhandlungen in der Ukraine bremst auf dem erreichten Niveau den Aufwärtstrend, jede Fortsetzung des Krieges durch Russland befeuert ihn dann wieder.
Inzwischen gibt es warnende Stimmen, die vor einem Kursrückschlag warnen. Sollten sich die europäisch-russischen Beziehungen wieder normalisieren, erwarten sie „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ hohe Kursverluste bei Rüstungsaktien.
Der Markt hält ein solches Szenario aber für unwahrscheinlich. Das Putin-Regime hat sich auf eine aggressive Politik festgelegt. Es bedürfe also eines Regimewechsels in Moskau, eines Zusammenbruchs des bisherigen Systems der Russischen Föderation wie seinerzeit beim Zusammenbruch der Sowjetunion. Auszuschließen ist dies jedoch nicht. Zudem verweisen Fondsmanager auf die Gefahr, dass es in einem Hype zu Überbewertungen kommen kann.
Dieses Risiko treffe insbesondere passiv in Rüstungs-ETFs anlegende Investoren, bei denen naturgemäß solche Aktien am höchsten gewichtet werden, deren Marktkapitalisierung stark gestiegen ist, denn die Gewichtung in den ETFs folgt in der Regel dem Börsenwert.
Fondsmanager betonen vor diesem Hintergrund die zunehmende Bedeutung einer selektiven Aktienauswahl. Gefahr von Überbewertungen und moralische Frage: Und schließlich bleibt die moralische Frage, ob es richtig ist, die europäische Verteidigungsfähigkeit als Kapitalgeber zu stärken, oder falsch, weil man sich an der Herstellung von Waffen beteiligt, die, wenn sie eingesetzt werden müssten, zum Leid und Tod von Menschen führen.
Die Notwendigkeit für hohe Verteidigungsausgaben in Europa wurde seit 2022 immer offensichtlicher, spätestens mit der Russland-freundlichen Politik von Trump, die Moskau zu weiterer Aggression ermutigt, wenn sich die demokratischen Länder Europas nicht selbst verteidigen können. Dies hat in den vergangenen drei Jahren zu einer Neubewertung des Verteidigungssektors geführt.
Weil diese Neubewertung inzwischen weit fortgeschritten ist, ist das Chance-Risiko-Verhältnis im Rüstungssektor nicht mehr so wie vor ein oder zwei Jahren.
Quelle
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