von
Sommese & Kollegen
Strategie
Anlagestrategie Trends und Märkte
12.05.2026
Lag für große europäische Unternehmen das Heil noch vor wenigen Jahren in einer stärkeren Internationalisierung, vor allem in Geschäftsverbindungen zum Wachstumsmarkt China, muss sich Europa nun um seine Abhängigkeiten sorgen. Militärisch ist man abhängig von der früheren NATO-Führungsmacht USA und wirtschaftlich von Rohstoffimporten, Lieferketten und Absatzmärkten in Asien.
Inzwischen steht fest: Europa muss sich selbst gegen die Bedrohung durch Russland behaupten, darf nicht durch Rohstoffimporte erpressbar sein und muss seine Lieferketten weniger angreifbar machen. Onshoring, also die strategische Rückverlagerung oder Ansiedlung von Produktions- oder Dienstleistungsaktivitäten aus dem Ausland zurück nach Europa, dürfte die kommenden Jahre prägen.
Aber nicht nur bei seinen Importen muss sich Europa der veränderten Weltlage anpassen. Die früher attraktivsten Absatzmärkte, die USA und China, schotten sich zunehmend gegen Einfuhren aus Europa ab. Europa wird sich in dieser neuen Weltordnung stärker auf sich selbst fokussieren müssen.
Zugleich verändert sich die Rolle der Politik. Mehr als 30 Jahre lang förderte sie die internationale Arbeitsteilung. Jetzt besteht die Aufgabe darin, die dadurch gewachsenen Abhängigkeiten zu verringern. Vor diesem Hintergrund dürften die Eingriffe der Politik in die Märkte eher zu- als abnehmen. Schlüsselbranchen dürfen mit staatlicher Unterstützung beim Onshoring rechnen.
Noch vor wenigen Jahren wurden beispielsweise die hohen Investitionen des weltgrößten Chemiekonzerns BASF in China positiv bewertet. Inzwischen sieht man zunehmend die Risiken. Ähnlich ergeht es anderen Branchen wie den Automobilherstellern. China ist nicht mehr der stark wachsende Absatzmarkt, sondern zunehmend ein Konkurrent – auch auf den europäischen Heimatmärkten.
Gleichzeitig hat das Wachstum der europäischen Erwerbsbevölkerung seinen Zenit überschritten. In Zukunft wird Europa seinen Wohlstand mit weniger Berufstätigen erwirtschaften müssen. Der Anteil der Bevölkerung im Ruhestand wird Jahr für Jahr neue Rekordwerte erreichen, Stichwort Babyboomer.
Ohne Zuwanderung kann der Arbeitskräftemangel in Europa nicht bewältigt werden. Aber auch Robotik und Künstliche Intelligenz werden Beiträge zu einer höheren Produktivität leisten müssen. Arbeitswelten werden sich noch schneller verändern als in den vergangenen Jahren.
Anleger sind gut beraten, diese Entwicklungen bei ihren Anlageentscheidungen zu berücksichtigen. Europa steht vor großen Herausforderungen und notwendigen Veränderungen. Unternehmen, die diesen Wandel ignorieren, bieten künftig ein schlechteres Verhältnis von Chancen zu Risiken.
Die Aufgabe aktiver Fondsmanager ist es vor diesem Hintergrund mehr denn je Aktien von Unternehmen zu finden, die den Wandel für sich nutzen können. Der EU-Binnenmarkt ist der größte wirklich funktionierende Binnenmarkt der Welt. Er umfasst rund 450 Millionen Konsumenten in den 27 EU-Mitgliedstaaten sowie in Island, Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz. Zudem zeichnet er sich durch ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von über 14,5 Billionen Euro aus (Stand 2021/2022) und umfasst etwa 23 Millionen Unternehmen.
Zum Vergleich: In den USA gibt es zwar über 36 Millionen Unternehmen, aber nur 136 Millionen Privathaushalte mit durchschnittlich zweieinhalb Personen und somit etwa 340 Millionen Konsumenten. Rechnet man Kinder heraus, kommt man auf lediglich 275 Millionen Konsumenten.
Beim durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen hat die Europäische Union mit rund 39.680 Euro (2024) die USA mit rund 43.420 US-Dollar (ebenfalls 2024) inzwischen nahezu eingeholt. Auch das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf liegt dicht beieinander. Während in Europa die zunächst sehr hohen Wohlstandsunterschiede stetig kleiner werden, wachsen die Unterschiede zwischen Reich und Arm in den USA. Die für die Binnenwirtschaft entscheidende Mittelschicht in Europa hat bereits jetzt deutlich mehr Kaufkraft als in den USA.
Mögliche Gewinner der kommenden Jahre sind also weniger als früher unter den »Gewinnern der Globalisierung« zu suchen als vielmehr bei Unternehmen, die auf dem großen europäischen Binnenmarkt erfolgreich sind. Ein Beispiel dafür ist die Finanzbranche. Europäische Banken und Versicherungen sind außerhalb Europas eher wenig aktiv, haben aber umgekehrt auf ihren europäischen Heimatmärkten wenig Konkurrenz von außerhalb Europas. Ein zweites Beispiel sind europäische Rüstungshersteller. Hier verbieten sich Abhängigkeiten aus offensichtlichen Gründen, und das Onshoring wird rasch vorangetrieben.
Fazit: Europas Aktienmärkte sind nicht unbedingt die Verlierer der aktuellen Entwicklung – im Gegenteil. Sie bieten mittel- bis längerfristig ein attraktives Chance-Risiko-Verhältnis.
Quelle
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