von
Sommese & Kollegen
Strategie
Anlagestrategie Trends und Märkte
10.03.2026
So sind nachvollziehbare Zweifel aufgekommen, ob die vier großen Hyperscaler Amazon, Alphabet, Microsoft und Meta wirklich zu den Gewinnern zählen werden. Auch die De-facto-Monopolisten unter den Technologie-Zulieferern wie ASML und Nvidia bergen angesichts ihrer hohen Bewertungen Risiken. Schon seit Monaten wird deshalb über eine mögliche KI-Blase spekuliert.
Doch die Überlegungen drehen sich nicht nur um die potenziellen Gewinner der künstlichen Intelligenz. Zuletzt verkauften Anleger in großem Stil Aktien von Unternehmen, bei denen sie die Gefahr sehen, dass KI-Tools deren Geschäftsmodelle gefährden. »AI-Scare-Trade« nennt das die Wall Street. Wie bei jeder technischen Revolution gibt es unter den Unternehmen also nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer.
Als Verlierer gilt vor allem die Software-Branche, denn die Nutzung von Online-KI könnte Softwarelösungen verdrängen. Wenn durch KI die Zahl der Arbeitsplätze sinkt, sinkt damit auch die Zahl der abzurechnenden Software-User. Und KI kann Software programmieren – schneller und zu einem Bruchteil der Kosten. Mit KI-Entwicklungstools können Firmen eigene Inhouse-Lösungen selbst bauen. »KI ist real, die Divergenz ist real und der Ausverkauf im Software-Bereich ist sinnvoll, da KI dazu führen wird, dass das Programmieren an Bedeutung verliert«, erklärte dazu Christopher Forbes vom Finanzdienstleister CMC Markets. Zu den Gewinnern zählt er Chiphersteller, Rechenzentren und die Energiebranche. Der größte US-Software-ETF hat dagegen seit Jahresbeginn mehr als ein Viertel seines Wertes verloren.
Aktien von Software-Anbietern wie Adobe, Salesforce oder Workday verloren noch mehr. Felix Gode von Alpha Star Management schreibt dazu: »Teilweise gab es Rückgänge von 20 bis 50 Prozent, ohne dass dies die derzeitigen Fundamentaldaten rechtfertigen würden.« Der Markt preise dabei die Annahmen ein, dass Software durch KI leichter zu entwickeln, daher weniger wertvoll sei und dass Preise für Softwarelösungen nicht aufrechterhalten werden könnten. Diese Narrative griffen jedoch in vielen Fällen zu kurz.
Während Commodity-Software austauschbar werde, könnten »mission-kritische Systeme mit Datenhoheit und Integrationstiefe« ihren Burggraben durch KI sogar ausbauen. Er appelliert, in der Software-Branche differenziert zu investieren und die Übertreibungen langfristig zu nutzen. Das sieht Andre Köttner, Fondsmanager der insgesamt 25 Milliarden schweren Aktienfonds DWS Vermögensbildungsfonds I und DWS ESG Akkumula, ähnlich: »So seltsam es vielleicht klingen mag: Unter den vermeintlichen KI-Verlierern gibt es momentan vielleicht die interessantesten Werte.«
Unlängst wurden auch Aktien von Unternehmen im Transportsektor verkauft, weil das kaum bekannte KI-Unternehmen Algorhythm Holdings, Inc. ein KI-Tool vorstellte, das »das Frachtmanagement von einem arbeitsintensiven, manuellen Prozess in ein hochautomatisiertes, intelligentes System verwandelt« und somit eine »vierfache Steigerung der Arbeitsproduktivität« ermögliche. Aktien von Logistikwerten wie Maersk, UPS, DSV und Kühne + Nagel verzeichneten daraufhin hohe Kursverluste. Allerdings stellt sich auch hier die Frage, ob solche Unternehmen nicht eher KI-Gewinner statt -Verlierer sein werden. Schließlich transportiert künstliche Intelligenz Waren nicht selbst von A nach B. Dafür werden auch im KI-Zeitalter Fahrzeuge, Frachtflugzeuge und Schiffe eingesetzt.
Aber noch herrscht an den Börsen der AI-Scare-Trade. Als unlängst ein Blogpost der kleinen Research-Firma Citrini mit mehreren Millionen Aufrufen auf der Plattform X ein düsteres Szenario für die US-Wirtschaft durch den breiten Einsatz von künstlicher Intelligenz zeichnete, kam es wieder zu Kursverlusten. »Die Angst vor einer KI-Disruption hat an den US-Börsen eine neue, fast schon surreale Eskalationsstufe erreicht«, schrieb darauf Stephan Kemper, Investmentstratege bei BNP Paribas. Zu den Fondsmanagern, die in den Kursverlusten eine klare Übertreibung sehen, gehört auch Peter Frech von QUANTEX: »Wir halten es für sehr wahrscheinlich, dass der Markt hier einigen Halluzinationen aufsitzt, für die ironischerweise ein LLM-KI-Sprachmodell (Large Language Model) bekannt ist. Wenn das KI-Modell gerade keine exakt passende Antwort findet, kleistert es sich eine stimmige Story zusammen. Oder eine, von welcher es glaubt, dass der Benutzer sie gerne hören möchte. Offensichtlich hören die Anleger derzeit gerne Stories davon, wie mit KI alles ganz anders werden wird.«
Quelle
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