von
Sommese & Kollegen
Strategie
Anlageklassen Edelmetalle
09.11.2025
Auch Platin hatte eine Preisrallye erlebt und war schon am 16. Oktober auf gut 1.730 US-Dollar pro Unze gestiegen, Palladium auf gut 1.620 US-Dollar. Allerdings sind diese beiden Edelmetalle, die vor allem industriell verwendet werden, noch weit von früheren Hochs entfernt.
Der Preisanstieg bei Edelmetallen hatte sich in diesem Jahr beschleunigt. Er führte zu einer Rallye, die schließlich eine sogenannte Fahnenstange ausbildete, einen im langfristigen Bild fast senkrechten Anstieg des Preises. Eine solche Bewegung ist hinsichtlich ihrer Höhe schwer abzuschätzen, denn es herrschen dann nicht mehr nüchterne Kalkulationen über den Wert, sondern eine Kaufpanik. Ein Kursanstieg in Form einer Fahnenstange ist also die Folge eines psychologischen Phänomens, das man heutzutage Fear of Missing Out (FOMO) nennt, also die Angst, etwas zu verpassen.
Der schnelle und weitreichende Kursanstieg lässt allerdings das Lager derer schnell anwachsen, die ihre Buchgewinne realisieren, also mit einem schnellen Gewinn verkaufen wollen. Eher früher als später ist deshalb zumindest eine Kurskorrektur fällig. Überkauft waren die Edelmetallmärkte schon vorher. Tatsächlich waren am 21. Oktober hohe Gewinnmitnahmen zu beobachten, die den Goldpreis bis zum Folgetag auf fast 4.000 US-Dollar und den Silberpreis auf 47,50 US-Dollar pro Unze drückten.
Bei Platin und Palladium sind deutlich weniger Anleger unterwegs als bei Gold und Silber. Entsprechend weniger heftig fielen die Gewinnmitnahmen aus. Zwar fiel die Unze Platin kurzzeitig unter 1.500 US-Dollar, aber der Stabilisierungsversuch pendelte schon kurz danach um die Marke von 1.600 US-Dollar. Palladium fiel auf rund 1.400 US-Dollar und versucht sich dort zu stabilisieren.
Auf der Verkäuferseite stehen die Anleger, die mit einer eher kurzfristigen Gewinnerzielungsabsicht Edelmetalle gekauft haben. Ihre Spekulation ist aufgegangen, wenn man von den wenigen Unglücklichen absieht, die erst Mitte Oktober gekauft haben. Auf der Käuferseite stehen dagegen weiterhin eher strategische Anleger, die bislang in Edelmetallen unterinvestiert sind. Deren Bereitschaft, den Kursen hinterherzulaufen, hatte richtigerweise abgenommen. Sie stellen sich jetzt die Frage, ob der Kursrücksetzer bereits eine Kaufgelegenheit darstellt.
Erst die nächsten Wochen werden zeigen, ob kurzfristig orientierte Spekulanten und taktische Anleger weitere Gewinnmitnahmen vornehmen oder ob die Nachfrage strategischer Investoren, die längerfristig handeln, schon ausreicht, um das Entstehen eines übergeordneten Abwärtstrends zu verhindern. Kurzfristig dürfte der Preisrückgang noch mehr Marktteilnehmer zu Verkäufen als zu Käufen bewegen.
Aber bereits mittelfristig, also auf Sicht weniger Wochen, stehen die Chancen für eine Stabilisierung nicht schlecht, denn es ist kaum davon auszugehen, dass aus dem Lager der strategischen Edelmetall-Käufer größere Verkäufe erfolgen werden. Ihre Gründe für Edelmetall-Käufe bestehen fort. Dies ist vor allem ein fortschreitender Vertrauensverlust in die USA und deren Währung, den US-Dollar.
Gerade erst stufte die Ratingagentur Scope die Kreditwürdigkeit der USA herab. Begründet wird dies unter anderem mit gesunkenen Standards bei der Regierungsführung. Die Bonitätsnote der weltgrößten Volkswirtschaft wurde von AA auf AA minus reduziert.
Das Zeugnis für die Trump-Regierung fiel ziemlich verheerend aus. »Die Schwächung von Standards bei der Regierungsführung, insbesondere das Aushöhlen der etablierten Gewaltenteilung, verringert die Vorhersehbarkeit und Stabilität der US-Politik«, heißt es im jüngsten Gutachten der Agentur.
Diese Unberechenbarkeit habe sich auch im Umgang mit wichtigen Handelspartnern der USA in der Zollpolitik gezeigt. Das steigere das Risiko, dass Fehler im politischen Tagesgeschäft passieren. Vor allem »die zunehmende Machtansammlung der Exekutive« bereitet Scope erkennbar Sorgen: »Die Regierung hat mehrfach Gerichtsurteile missachtet, die Autorität der Justizbehörden infrage gestellt, Kontrollen durch den Kongress unterlaufen und unabhängige Institutionen ins Abseits gedrängt.« Ein Negativbeispiel seien die vielen präsidialen Dekrete, mit denen Trump seine Regierungspolitik im Alleingang durchsetzte und den Kongress schwächte.
Vor diesem Hintergrund dürften die Sorgen um die politische Unabhängigkeit der US-Notenbank jederzeit wieder aufflammen können. Und auch die geopolitischen Risiken sind in den zurückliegenden Tagen nicht verschwunden, im Gegenteil. Die Konflikte mit Russland und China drohen sich weiter zu verschärfen. Auch auf der Angebotsseite der Edelmetalle gibt es keine plötzliche Veränderung.
Natürlich stellen die hohen Marktpreise einen Anreiz dar, die Förderung auszuweiten und Vorkommen zu erschließen, deren Abbau sich bislang nicht rechnete. Bis die Minenförderung aber eine nennenswerte Erhöhung umsetzen kann, vergehen viele Monate, in den meisten Fällen sogar Jahre.
Es mangelt also an einer fundamentalen Begründung für eine übergeordnete Trendwende bei den Edelmetallpreisen. Auch das spricht dafür, dass es sich um eine von Gewinnmitnahmen ausgelöste Konsolidierung handelt.
Sogar dann, wenn sich der Rückgang der Edelmetallpreise fortsetzen sollte, findet diese Preiskorrektur auf einem Niveau statt, das den Edelmetall-Unternehmen bis auf Weiteres Rekordmargen beschert. So liegen die durchschnittlichen Gesamtkosten für die Gewinnung einer Unze Gold zwischen 1.400 und 1.800 US-Dollar.
Selbst bei einem Kostenanstieg auf 2.000 US-Dollar pro Unze und einem Rückgang des Preises auf nur 3.000 US-Dollar läge der Reingewinn pro Unze bei 50 Prozent bzw. 1.000 US-Dollar.
Edelmetalle sind und bleiben ein möglicher, aber kein zwingender Baustein für ein Multi-Asset-Portfolio. Investments in Aktien von Edelmetall-Unternehmen zeigen häufig in beide Richtungen eine Hebelwirkung, was von Investoren noch mehr Disziplin verlangt.
So wie es falsch war, zu versuchen, auf eine bereits gestartete Kursrakete aufzuspringen, dürften sich auch panische Verkäufe langfristig als Fehler erweisen.
Die Alternative zum unmittelbaren Einsatz von Edelmetall-Investments sind breit streuende Multi-Asset-Fonds, die diese Aufgabe langfristig in ihrer Strategie berücksichtigen.
Quelle
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