von
Sommese & Kollegen
Strategie
Globale Märkte Trends und Märkte
05.10.2024
Schon damals dürfte klar gewesen sein, dass das Überschreiten dieser Schwelle ein langer Prozess ist. Aber der Begriff Emerging Markets fand mit seiner positiven Konnotation recht schnell Verbreitung. Zunächst bei Ratingagenturen, die damit bei ihren Länderratings eine grundsätzliche Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse im Allgemeinen und der Bonität im Besonderen ausdrücken können.
In den entsprechenden Schwellenländern förderte das niedrige Lohnniveau die Entstehung von Produktionsstandorten und eine zunehmende Einbeziehung in internationale Handelsbeziehungen. Direktinvestitionen aus Industriestaaten und der damit verbundene Technologietransfer leisteten einen Beitrag zur Verbesserung der Terms of Trade (Tauschbedingungen im internationalen Handel).
Schon der Begriff Emerging Markets transportiert das Potenzial, das durch eine entstehende und wachsende Mittelschicht eine steigende Kaufkraft entsteht. Gerade dieser Aspekt wird von Fonds herausgestellt, die als Emerging Markets-Fonds in Unternehmen aus Schwellenländern investieren.
Inzwischen hat sich eine Dreiteilung des globalen Anlageuniversums in Developed Markets (Industrieländer), Emerging Markets (Schwellenländer) und sogenannte Frontier Markets (Grenzmärkte) durchgesetzt. Letztere verfügen über eine geringere Marktkapitalisierung und Marktliquidität als die etablierteren Schwellenmärkte. Der MSCI Emerging Markets-Aktienindex startete 1988 mit zehn Ländern und umfasst heute über 20 Staaten. Im Vergleich dazu enthält der MSCI Frontier Index knapp 30 Staaten. Der MSCI Emerging Markets Index bildet die Entwicklung von etwa 1.400 Aktien aus Schwellenländern ab, wobei der US-amerikanische Finanzdienstleister MSCI die Aktien nach ihrer Streubesitz-Marktkapitalisierung gewichtet. Diese Methode ist auch bei den meisten modernen Aktienindizes üblich und sorgt dafür, dass etwa 85 Prozent der handelbaren Marktkapitalisierung in jedem Land abgedeckt werden.
Den größten Anteil im Index hat Asien, vor allem China und Indien, gefolgt von den stärker industrialisierten, aber weiterhin als Emerging Markets eingestuften Ländern Südkorea und Taiwan. Besonders wichtig ist seit geraumer Zeit der taiwanesische Mikrochiphersteller Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC), dessen Erfolg als weltweit größter Chiphersteller den insgesamt schwachen Verlauf der Emerging Markets in den letzten Jahren etwas abmildern konnte, jedoch nicht verhindern.
Schon seit 2010 zeigen die Emerging Markets eine Unterperformance gegenüber den vom starken US-Aktienmarkt geprägten Developed Markets. Besonders seit 2021 hinken die meisten Emerging-Markets-Aktienfonds deutlich hinterher. Ein Hauptgrund dafür sind die enttäuschenden Entwicklungen in China, wo die Regierung unter Präsident Xi Jinping nach Jahrzehnten einer pragmatischen Wirtschaftspolitik zunehmend stärker in die Märkte eingriff und dadurch Anleger verunsicherte. Ein weiterer Faktor ist die Stärke des US-Dollars, die die Schwellenländer zusätzlich belastet. Durch die Zinserhöhungen in den USA ab 2022 wurden US-Dollar-Anlagen zunehmend attraktiver, was dazu führte, dass Investoren in den letzten Jahren viel Kapital aus den Emerging Markets abzogen.
Anbieter von Emerging-Markets-Fonds verweisen vor diesem Hintergrund auf den jetzt begonnenen Zinssenkungszyklus in den USA. Die US-Leitzinssenkung ermögliche nun auch den Notenbanken in den Schwellenländern eine Lockerung ihrer Geldpolitik. Zuvor müssten sie sich am US-Zinsniveau orientieren, um eine stärkere Abwertung ihrer Landeswährungen gegen US-Dollar zu verhindern. Eine schwache Landeswährung würde zwar die internationale Wettbewerbsfähigkeit stützen, aber die Rückzahlung der ganz überwiegend in US-Dollar aufgenommenen internationalen Kredite erschweren.
Insofern markiere der Zinsrückgang in den USA einen Vorzeichenwechsel für die Emerging Markets. Fundamental seien deren Währungen eher unterbewertet, sodass sich in den kommenden Jahren aus der Aufwertung der lokalen Schwellenländer-Währungen eine zusätzliche Performancequelle ergebe, argumentieren Fondsmanager jetzt.
Darüber, ob man jetzt besser auf eine Aufholjagd der chinesischen Aktienmärkte setzt oder an gut laufenden indischen Aktieninvestments festhält, scheiden sich die Geister. Chinas Zentralbank PBoC löste zumindest in der letzten Septemberwoche mit einem Maßnahmenbündel einen Freudensprung an den chinesischen Börsen aus, um wie oben beschrieben den angeschlagenen Immobilien- und Finanzsektor des Landes zu stützen. Das ungewöhnlich große Paket umfasst neben Zinssenkungen, die Immobilienkredite billiger machen, auch eine Kapitalspritze für die sechs größten Geschäftsbanken des Landes.
China-Skeptiker werten die angekündigten Maßnahmen als Eingeständnis, dass die bisherigen Stützungsversuche nicht ausreichten. Die Börsen freuen sich aber über die zusätzlichen Mittel und konnten zumindest den jüngsten Abwärtstrend brechen. Ob es der Startschuss für eine größere Trendwende ist, wird nicht zuletzt in Peking entschieden. Chinas Wirtschaft war im zweiten Quartal nur um 4,7 Prozent gewachsen und hatte damit das verkündete Wachstumsziel der Staatsführung verfehlt. Präsident Xi muss nun entscheiden, ob die Märkte weiter gestützt werden oder ein Konfrontationskurs gegenüber anderen Ländern die Probleme vergrößert.
Das aktuelle Bewertungsniveau der Emerging Markets liegt zumindest nicht nur weit unter dem der Developed Markets, sondern auch klar unter dem eigenen historischen Bewertungsdurchschnitt der Emerging Markets. Wer nicht ohnehin schon antizyklisch die Schwächephase für den Aufbau von Positionen genutzt hat, sollte also jetzt überlegen, auf die jüngsten Signale hin ein Emerging Market-Investment ins Auge zu fassen.
Quelle
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