von
Sommese & Kollegen
Strategie
Japanischer Aktienmarkt Geldmarktpolitik
04.02.2023
Diese Erfahrung dürfte die heute aktiven Anleger geprägt haben, zumal es an Gründen zur Zurückhaltung gegenüber Japan-Investments nicht mangelte. Auf der Makroebene gibt es Negativfaktoren wie die Überalterung der Gesellschaft und die ausgeprägt deflationären Tendenzen. Und für die Mikroebene wurden unter anderem die geringe Shareholder-Value-Orientierung und Intransparenz der Unternehmen als Gründe identifiziert. Manche Argumente haben bis heute Gültigkeit. Sie sollten aber nicht den Blick auf die Chancen verstellen, die sich erfahrungsgemäß gerade dann bieten, wenn das allgemeine Interesse noch eher gering ist.
Ein wichtiger Einflussfaktor ist auch in Japan die Geldpolitik. Sie muss im internationalen Vergleich expansiv angelegt bleiben, weil die Gefahr einer deflationären Entwicklung nicht grundsätzlich vom Tisch ist. Im vergangenen Jahr kletterte die Inflationsrate – was in Japan als volkswirtschaftlicher Erfolg zu werten ist – auf vier Prozent. Sie dürfte in diesem Jahr wieder sinken. Während den westlichen Börsen also nochmal Ungemach durch die Geldpolitik ihrer Notenbanken droht, hat die Bank of Japan (BoJ) keinen Grund für eine wirklich restriktivere Geldpolitik.
So entschied sie unlängst einstimmig, an ihren ultraniedrigen Zinssätzen von minus 0,1 Prozent für kurzfristige Zinsen festzuhalten. Und in Japan gibt es sogar noch Quantitative Easing (QE), also Aufkäufe von Anleihen durch die Notenbank. Die BoJ koppelt dies weiterhin an eine Obergrenze für die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen. Würde sie die Marke von 0,5 Prozent erreichen, kauft die Notenbank die Anleihen, stützt damit die Kurse der Anleihen und gibt im Gegenzug zusätzliche Liquidität in den Markt.
Im Dezember hatte die BoJ die Märkte mit einer Verdopplung dieser Zinsoberschwelle von 0,25 auf 0,5 Prozent überrascht. Zusätzlich wurde jetzt noch die Erweiterung eines Kreditmechanismus für Banken beschlossen, der es den Finanzinstituten erlaubt, mit billigen Krediten der Notenbank Anleihen zu kaufen – und dabei die Zinsdifferenz zu verdienen. Auch das ist ein Instrument, um die gesamte Zinskurve zu kontrollieren, also nicht nur das „kurze Ende“ des Geldmarktes durch Leitzinsen.
Für eine Normalisierung der japanischen Geldpolitik dürfte es somit noch zu früh sein. »Bis wir einen klaren Weg in die Zukunft sehen, wird die Bank of Japan meines Wissens an ihrer derzeitigen Politik festhalten«, erklärte dazu der japanische Handelsminister Yasutoshi Nishimura auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Und Notenbank-Gouverneur Haruhiko Kuroda begründete den Verzicht auf weitere Maßnahmen im Januar damit, dass die Renditeschwelle für Staatsanleihen erst im Dezember verdoppelt wurde. Er gehe davon aus, „dass es einige Zeit dauern wird, die Auswirkungen dieser Maßnahmen auf die Marktfunktionen zu bewerten“. Vieles spricht also dafür, dass die Bank of Japan in diesem Jahr die Börsen nicht mit einer restriktiveren Geldpolitik belasten muss – anders als die Fed in den USA und die EZB in der Eurozone.
Die japanische Währung hat bereits angesichts der sich öffnenden Zinsdifferenz deutlich abgewertet – besonders gegenüber dem US-Dollar. Um fast 14 Prozent verbilligte sich der Yen im Kalenderjahr 2022 in Dollar – und mit ihm auch japanische Exportgüter auf dem Weltmarkt, wo vor allem in Dollar gerechnet wird. Der Effekt machte japanische Exportaktien sofort attraktiver. Eine Einbahnstraße ist der Devisenmarkt aber nicht. Schon der nachlassende Inflationsdruck in den USA und die damit verbundene Aussicht auf weniger hohe Zinsschritte der Fed reichte ab Mitte Oktober für eine Erholung des Yen, die sich in diesem Jahr fortsetzen könnte. Japan-Investments sollten deshalb nicht auf die Exportsektoren beschränkt werden. Mindestens ebenso attraktiv erscheinen, zumindest selektiv, Werte aus dem Finanzsektor und der Binnenwirtschaft, zumal ausländische Investoren hier bislang unterinvestiert sind.
Anders als viele westliche Volkswirtschaften droht Japan 2023 wohl keine Rezession. Die japanische Wirtschaft dürfte 2023 um 1,2 bis 1,6 Prozent wachsen – gestützt auch auf Konjunkturprogramme.
Auch auf Unternehmensebene finden sich Argumente für japanische Aktien. Inzwischen gewinnt eine Shareholder-Value-Orientierung gegenüber traditionellen Auffassungen an Raum. Statt Gewinne zu horten oder wenig produktiv zu investieren, werden höhere Dividenden gezahlt oder eigene Aktien zurückgekauft.
Die Aktienrückkäufe haben sich seit 2012 auf 8,6 Billionen Yen im abgelaufenen Fiskaljahr 2021/2022 mehr als vervierfacht und sind seitdem weiter deutlich erhöht worden. Neben einer Modernisierung der Governance (Unternehmensführung) finden auch ökologische und gesellschaftliche Aspekte zunehmend Berücksichtigung. Beobachter erwarten, dass diese Entwicklung in dem konservativen Land neue Wachstumsmöglichkeiten freisetzen wird.
Japanische Unternehmen gehören in vielen zukunftsträchtigen Sektoren wie Elektronik, Roboter und in der Energiewirtschaft zu den Markt- und Technologieführern. Während dies an westlichen Börsen oft als Begründung für vergleichsweise hohe Bewertungen angeführt wird, sind japanische Aktien oft günstig bewertet. Im Durchschnitt kommt der Markt auf ein Kurs/Gewinn-Verhältnis von nur 11,5.
Daraus errechnet sich höheres Potenzial für Kursgewinne als an den westlichen Börsen. So prognostizierte die USBank Morgan Stanley unlängst für den umfassenden Topix Index einen Anstieg bis zum Jahresende 2023 auf 2.020 Punkte, was für das Jahr ein Plus von 6,8 Prozent bedeuten würde. Der Vermögensverwalter Mitsui Sumitomo Asset Management rechnet gar mit einer Zielspanne zwischen 2.190 und 2.390 Punkten, was das Kurspotenzial auf bis zu 26 Prozent beziffert. Für den populäreren Nikkei-225-Index liegt das Potenzial bis zum Jahresende demnach zwischen 31.100 und 34.100 Punkten.
Der Aktienmarkt der drittgrößten Volkswirtschaft bietet in diesem Jahr gute Gewinnchancen und einen Beitrag zur Diversifikation. Japan sollte in jedem globalen Aktienportfolio vertreten sein. So mancher Manager globaler Aktienfonds sieht das auch so. In den anderen Fällen kann das Japan-Investment auch durch entsprechende Länderfonds angehoben werden.
Quelle
Vermögen
sicher
klug
aufbauen