von
Sommese & Kollegen
Strategie
Diversifizierung Anlageklassen
08.09.2025
Ein Blick auf die aktuellen und für die kommenden Jahre erwarteten Wachstumsraten zeigt, dass die Emerging Markets der globale Wachstumsmotor bleiben dürften. Das makroökonomische Umfeld insgesamt ist dort zunehmend attraktiver geworden. Wurden ausufernde Staatsschulden und galoppierende Inflation früher eher im oben genannten Globalen Süden vermutet, zeigt ein Blick auf die Daten, dass es sich dabei zunehmend um Probleme der etablierten Volkswirtschaften, allen voran der USA, handelt.
Inflation und Staatsausgaben sind dagegen in den meisten Emerging Markets unter Kontrolle. Und während die „entwickelten Länder“ (Developed countries) vor großen demografischen Problemen stehen, dürften die Emerging Markets in den nächsten Jahren und Jahrzehnten von der Entwicklung profitieren.
In einer von Oxford Economics veröffentlichten Studie wird erwartet, dass bis 2034 etwa 350 Millionen Haushalte in den Schwellenländern neu zur Mittelschicht gezählt werden können. Mit dem Anstieg der Pro-Kopf-Einkommen verändert sich deren Konsumverhalten deutlich.
Der größte Zuwachs an Mittelschicht-Haushalten ist weiterhin in China und Indien zu erwarten. Allein bis 2030 dürften in China fast 80 Millionen Haushalte zusätzlich so einzustufen sein und 35 Millionen in Indien. Dann dürften zwei von drei Mittelklasse-Haushalten weltweit in Asien zu finden sein.
Damit wird die Bedeutung der Binnenmärkte für die Emerging Markets weiter stark zunehmen und deren Abhängigkeit von Exporten in die USA abnehmen – eine Entwicklung, die Trump mit seiner Politik zusätzlich antreibt. Für Unternehmen in den Schwellenländern wird der Absatzmarkt in ihrer Heimat und in anderen Emerging Markets wichtiger als die Exporte in die USA.
Die Wachstumsprognosen für die Schwellenländer übertreffen mehrheitlich jene für die etablierten Volkswirtschaften. Für das laufende Jahr wird in den Schwellenländern mit einem Anstieg der Wirtschaftsleistung um 3,7 Prozent gerechnet, wozu Indien mit 6,2 Prozent Wachstum und China mit 4,0 Prozent maßgeblich beitragen.
Dies ist zwar eine Abschwächung gegenüber den vergangenen Jahren. Aber die etablierten Volkswirtschaften trifft die Abschwächung auch – und zwar auf einem niedrigeren Niveau.
So dürfte sich das Wachstum in den USA, das in den beiden letzten Jahren unter Präsident Biden bei jeweils knapp drei Prozent lag, im ersten Jahr der Trump-Regierung auf weniger als zwei Prozent abschwächen, das Weltwirtschaftswachstum von 3,3 auf 2,8 Prozent.
Die viel beachteten US-Importzölle fallen in der Praxis in den meisten Fällen niedriger aus als am „Liberation Day“ Anfang April von Trump angekündigt. Zudem machen die Exporte in die USA in den meisten Fällen nur den kleineren Teil der Ausfuhren aus, wenn man von Vietnam absieht, das mit einem hohen Teil seines Sozialproduktes von Exporten in die USA abhängig ist. Für China als größtes Schwellenland machen die Exporte insgesamt nur noch 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus und der Anteil der US-Exporte liegt bei nur drei Prozent.
In Indien, gegen das Trump hohe Zölle verhängte, spielen Exporte ohnehin keine so große Rolle und der Anteil davon, der in die USA geht, ist noch geringer. Leopold Quell, Fondsmanager für die Emerging Markets bei Raiffeisen Capital Management, bewertet die US-Zölle „langfristig gesehen nur als eine Fußnote und schwachen Move. Trump ist stark gegenüber den Schwachen und schwach gegenüber den Starken.“ China könne seine Stärken ausspielen.
Anleger hätten in den vergangenen Jahren stark auf Technologie, zuletzt Künstliche Intelligenz, gesetzt und dabei übersehen, dass die USA die Führerschaft in wichtigen Schlüsselbereichen an Asien, insbesondere an China, verloren haben, so Leopold Quell. Die Emerging Markets würden in vielerlei Hinsicht falsch wahrgenommen. Asien sei krisensicherer als die meisten etablierten Märkte, vor allem im Vergleich zu den hochverschuldeten USA. Auch andere Fondsmanager halten die Emerging Markets bei Zukunftstrends wie der Energiewende oder der Künstlichen Intelligenz für gut gerüstet.
Louis Philipp Frank von der Investmentgesellschaft Invesco verweist dabei auf die Weltmarktführerschaft Chinas in den Bereichen Photovoltaik, Windkraft und E-Mobilität und den Vorsprung asiatischer Länder im Bereich Mikroelektronik und Computer. Indien habe die größte Zahl an Absolventen im Bereich Computerwissenschaften und spielt bereits eine wichtige Rolle in der Software-Entwicklung. Taiwan und Südkorea besetzen dagegen die weltweiten Spitzenpositionen bei der Herstellung von Mikrochips, Ersteres bei Prozessorchips, Letzteres bei Speicherchips. Für andere Schwellenländer sei dagegen ihr Rohstoffreichtum ein großer Vorteil. Beispiele, die Invesco-Mann Frank nennt, sind die Nickelförderung in Indonesien und der Lithium- und Kupferabbau in Chile. Alle drei Metalle sind für die Veränderungen in der Energiewirtschaft und für E-Antriebssysteme, namentlich die Herstellung von Batterien, von großer Bedeutung.
Die Investmentspezialisten beziffern die Bewertungslücke zwischen dem MSCI Emerging Markets Index und dem MSCI USA auf Basis von Bloomberg-Daten zum 31. Juli gemessen am Kurs-Buchwert-Verhältnis auf 63 Prozent. Der durchschnittliche Abschlag der vergangenen 20 Jahre habe nur 38 Prozent betragen. Eine Schwäche des US-Dollars, wie sie sich angesichts von Leitzinssenkungen in den USA abzeichnet, könnte wie mehrfach in der Vergangenheit ein Treiber für die Aktienmärkte der Emerging Markets werden. „Dies könnte ein günstiger Zeitpunkt für Investitionen sein“, schlussfolgert Louis Frank von Invesco. Insbesondere der Aktienmarkt in Brasilien, Thailand und Indonesien sei attraktiv bewertet.
Quelle
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