von
Sommese & Kollegen
Marktbericht
Rezession Leitzins
08.01.2023
Eine Schwächephase oder eine Rezession mit einer rückläufigen Wirtschaftsleistung würde die Inflationsgefahr verringern und könnte die Notenbanken schon im Jahr 2023 veranlassen, ihre Geldpolitik wieder zu lockern.
Bei der US-amerikanischen Notenbank Federal Reserve (kurz Fed) entscheidet der sogenannte Offenmarktausschuss (Federal Open Market Committee, kurz FOMC) regelmäßig über die Leitzinsen. Das Protokoll dieser Sitzungen wird zeitversetzt veröffentlicht und ist dann regelmäßig Gegenstand von Spekulationen bezüglich der weiteren Geldpolitik.
Anfang Dezember sahen sich diejenigen bestätigt, die für 2023 ein verlangsamtes Tempo bei den Zinserhöhungen erwarten. Wenig später bestärkte auch Fed-Präsident Jerome Powell mit Äußerungen diese Erwartung. Allerdings dämpften mehrfach starke Daten von der Konjunktur, der Preisentwicklung und vom Arbeitsmarkt diese Hoffnung. Beispielsweise steigen die Löhne in den USA deutlich, die Arbeitslosigkeit ist gering und die Ausgabenbereitschaft der Privathaushalte im Ergebnis hoch.
So gewannen im Dezember schließlich die Sorgen überhand, die US-Notenbank könne ihre Leitzinsen 2023 weiter anheben müssen als im Oktober und November von vielen erwartet worden war. Zwar erhöhten die beiden wichtigsten Notenbanken, die Fed in den USA und die europäische Zentralbank (EZB) für die Euro-Zone, ihre Leitzinsen wie erwartet im Dezember nur um jeweils einen halben Prozentpunkt.
Aber die Begründung dieser Entscheidungen bestärkten im Ergebnis die Sorgen, denn sowohl die Fed als auch die EZB korrigierten ihre Inflationserwartungen für 2023 nach oben. Zudem wird die EZB ab März ihre Anleihebestände um monatlich 15 Milliarden Euro abbauen. Überraschend hob auch die japanische Notenbank, die Bank of Japan (BoJ), den Zielbereich für Anleiherenditen an. Damit signalisierte sie, auch in Japan die Liquiditätsversorgung zu begrenzen.
Im Jahr 2022 wurde die Fed Funds Rate als wichtigster Leitzins in den USA in sieben Schritten von zunächst 0,0 bis 0,25 Prozent auf die Bandbreite 4,25 bis 4,5 Prozent angehoben. Die Europäische Zentralbank (EZB) folgte mit vier Anhebungen ihres Hauptrefinanzierungssatzes von 0,0 auf jetzt 2,5 Prozent. Zählt man weltweit alle Zinsschritte von Notenbanken zusammen, kommt man für das Jahr 2022 auf die rekordverdächtige Zahl von 357 Zinserhöhungen gegenüber nur 15 Leitzinssenkungen.
Daran wird sich bis zum Jahresende nicht mehr viel ändern können, denn zwischen dem 22. Dezember und dem Jahresende plant nur noch die Notenbank von Uruguay ein Treffen des Entscheidungsgremiums. Die Banco Central del Uruguay hatte zuletzt Mitte November ihren Leitzins um einen halben Prozentpunkt auf 11,25 Prozent angehoben.
An den Anleihemärkten hatte die Hoffnung auf eine Verlangsamung von Inflation und restriktiver Geldpolitik im November für eine Kurserholung gesorgt.
So war die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen vom Hoch bei 4,3 Prozent auf rund 3,7 Prozent gesunken. In den ersten Dezembertagen setze sich der Renditerückgang bis knapp über 3,4 Prozent fort, bevor die Sorgen zunahmen und die Rendite auf etwas über 3,7 Prozent stiegen ließ. Abwärts mit den Kursen von Anleihen ging es auch in Europa. Der Bund-Future, der die Kursentwicklung von deutschen Staatsanleihen widerspiegelt, hatte am 7. Dezember ein Zwei-Monats-Hoch bei gut 143 Prozent erreicht. Bis vor Weihnachten ging es bis auf rund 135 Prozent bergab – also fast bis auf das Kursniveau des Zehn-Jahres-Tiefs von Mitte Oktober.
Auch an den Aktienmärkten hatten die Hoffnungen auf eine weniger strenge Geldpolitik der Notenbanken bis Anfang Dezember für steigende Aktienkurse gesorgt. In New York erreichte der Dow Jones Industrial Average Index Anfang Dezember rund 34.700 Zähler und übertraf damit sein Hoch aus dem Sommer geringfügig. Der breiter gefasste S&P-500-Index schaffte das nicht. Noch schwerer tat sich der von Technologie-Aktien geprägte Nasdaq-100-Index, der das Jahr bei 16.320 Punkten begonnen hatte, Anfang Dezember aber kaum über 12.000 Zähler hinauskam und im Monatsverlauf wieder unter 11.000 Punkte zurückfiel. Einmal mehr war es die Aussicht auf höhere Zinsen, die Technologie-Aktien belastete.
In Europa führte der Kursanstieg den Leitindex Euro-STOXX-50 zwar Anfang Dezember deutlich über seine Zwischenhochs aus dem Sommer: Die runde Marke von 4.000 Punkten wurde erreicht. Dann aber wollte sich die Kurserholung nicht als Jahresendrallye fortsetzen. Für viele europäische Volkswirtschaften wird für 2023 eine Rezession erwartet.
Die Aussicht auf höhere Zinsen bei gleichzeitig schwächerer Wirtschaft drückte den Euro-STOXX-50 wieder auf rund 3.800 Punkte.

Der Leitindex Euro-STOXX-50 im Zeitraum Dezember 2019 bis Dezember 2022
Quelle: Morningstar Direct / DRESCHER & CIE AG / 23.12.2022
Innerhalb der sogenannten Emerging Markets galt die Aufmerksamkeit weiterhin vor allem China. In offenen Protestkundgebungen wurde die zunehmende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem Regime und seiner Corona-Politik deutlich, was auch auf die Stimmung an den Aktienmärkten drückte. Peking lockerte daraufhin seine Null-Covid-Politik, handelte sich damit aber rasch steigende Infektionszahlen ein. Kurz vor dem Jahreswechsel sieht es nicht so aus, dass die chinesische Volkswirtschaft 2023 als Weltkonjunkturlokomotive fungieren kann.
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